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Artist: Nikolin Bujari (Tirana / Albania)
Presented work: „Blood Feuds“ (2008)
Text by Adela Demetja [DE] [EN] [TR] [HR] [SI] [HU] [CZ]

Blutfehden

Der Kanun oder Kanuni i Lekë Dukagjinit (Der Kodex von Lekë Dukagjini) ist eine von Lekë Dukagjini entwickelte Gesetzessammlung, die vorwiegend im nördlichen Albania und im Kosovo seit dem 15.Jahrhundert zur Anwendung kommt. Zunächst wurde der Kodex von Generation zu Generation mündlich überliefert und im 19.Jahrhundert erstmals von Shtjefën Gjeçov aufgeschrieben. Der Kodex ist in Paragrafen unterteilt, in denen Heiraten, Geburten, Todesfälle, Gastrecht und Erbschaftsangelegenheiten geregelt werden und diente traditionell als Grundlage der nordalbanischen Selbstverwaltung. Der Kanun wurde in einer bis auf die Zähne bewaffneten Stammesgesellschaft, deren höchstes Gut die Ehre des Mannes war, zu einer populären Form der Rechtsprechung. Insbesondere enhält der Kanun Bestimmungen für Tötungen, damit nicht ganze Familien ausgelöscht werden. Folgende Grundregel war darin festgeschrieben: Wer selbst tötet, wird getötet werden. „Blut wird mit Blut vergolten.“ Ganze Sippen waren in Blutfehden verwickelt, die sich manchmal über mehrere Generationen hinzogen.

Blutfehden und andere alte Bräuche überdauerten viele Jahrhunderte. In den vierzig Jahren kommunistischer Diktatur waren Familienfehden in Albania selten. Doch seit dem Zusammenbruch des Kommunismus in den 1990er Jahren kommt es zu einem Wiederaufleben der Blutfehden. Die durch den Zusammenbruch erzeugte Rechtsunsicherheit und das damit einhergehende Machtvakuum veranlassten viele Albaner wieder zu ihren uralten Gewohnheitsrechten und Stammesgesetzen zurückzukehren und heute besitzt fast jeder eine Schusswaffe.

Laut dem Komitee zur Nationalen Aussöhnung - eine albanischen NGO, die sich der Friedensstiftung zwischen verfehdeten Familien widmet - sind tausende albanische Familien in den Teufelskreis der Rachemorde verwickelt. Im uralten Gesellschaftskodex ist festgelegt, dass das Zuhause für Rachemorde tabu ist. Somit stellt es für diejenigen, die bedroht werden, den einzigen sicheren Ort dar. Über ganz Albania verstreut hocken tausende Männer und Buben in ihren Häusern, während draußen Mitglieder feindlicher Familien auf der Lauer liegen. In diesem Zusammenhang ist äußerst besorgniserregend, dass in die Blutfehden heutzutage die ganze Sippe hineingezogen wird – die engsten Familienangehörigen des Mörders sowie auch die entferntere Verwandtschaft, sogar Frauen, Mädchen und kleine Buben. Folglich leben in ganz Albania hunderte Kinder praktisch zu Hause eingekerkert – aus Angst davor, sie könnten in Blutfehden ermordet werden. Viele Kinder haben das Pech, dass sie in eine Familie hineingeboren werden, die in eine Blutfehde verwickelt ist. Es lässt sich kaum beschreiben, was diese isolierten Kinder empfinden und wie ihre Entwicklung verläuft. Weil sie buchstäblich rund um die Uhr eingesperrt sind, können diese Kinder weder zur Schule gehen noch an irgendwelchen anderen Aktivitäten außerhalb des Elternhauses teilnehmen. Das Unterrichtsministerium hat Programme ins Leben gerufen, im Rahmen derer Schulbücher und LehrerInnen für Kinder zur Verfügung gestellt werden, die von ihren in Fehden verstrickten Familien zu Hause eingesperrt werden. Wenn wir die im Kanun verankerte Ordnung heute noch haben, bedeutet dies, dass mit der Rechtsprechung etwas schief läuft und jede staatliche Kontrolle fehlt. Das albanische Strafgesetzbuch enthielt bis vor kurzem keine einzige Verordnung, in der Blutfehden direkt angesprochen wurden. Erst im Jahr 2008 ergänzte die Regierung das Strafgesetzbuch und erklärte Blutfehden zu einem gesetzwidrigen und strafbaren Tatbestand.

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“ Doch nicht in Albania.

Adela Demetja