(2)

Künstler: Miklós Erhardt & Dominic Hislop (Budapest)
Presented work: The Inside Out project was initiated and organized by artists Dominic Hislop and Miklós Erhardt, in 1997-98 – almost exactly ten years ago. The photograph on the poster was made by Ferenc Budai, one of the participants of the project, in June 1997.

Text by Miklós Vecsei (Vice-president of the Hungarian Malteser Charity Service, Budapest)
[DE] [EN] [TR] [HR] [SI] [HU] [CZ]

Symptomatische Behandlung

Anmerkungen zu einer Gesetzesänderung

Am 15.Oktober 2007 griff das ungarische Parlament den Vorschlag eines Abgeordneten auf, das Gesetz zu ändern und die Unterbringung von obdachlosen Personen in Zelten zu legalisieren. Der Abgeordnete wollte helfen; der Ministerialbeauftragte für Obdachlosenangelegenheiten ist zurückgetreten.

Nicht das Zelt ist das Problem sondern das „Recht“ darauf. Als Streetworker verwenden wir auch Zelte, Decken, Schlafsäcke, Windeln, Plastikfolien – sogar Zigaretten und Alkohol – alles, was in extremen Situationen das Leid lindert. Es stellt sich allerdings die Frage, ob im ersten Jahrzehnt des 21.Jahrhunderts ein Sozialgesetz mit dem Problem auf diese Art und Weise umgehen sollte.

In den vergangenen Jahren war auffallend, dass viele PolitikerInnen, vor allem auf Gemeindeebene, Obdachlosigkeit für ein Problem der öffentlichen Hygiene halten, genauso wie Müll, Hundekot oder was auch immer sonst die ästhetische Harmonie des Stadtbilds beeinträchtigt. In ihren Bemühungen versuchten sie zumeist, das Problem unsichtbar zu machen, anstatt es zu lösen. Eine Verordnung nach der anderen wurde erlassen, die das Betteln im öffentlichen Raum reglementieren sollte, im fieberhaften Bestreben den unermüdlichen, wenn auch verständlichen, Drang der Gesellschaft nach Ordnung zu befriedigen. Wenn wir es schaffen, solche Angriffe zurückzuschlagen – zum Beispiel wenn wir das Recht der Obdachlosen durchsetzen, in Fußgängerpassagen zu hausen – betrachten wir das als Erfolg. Aber es hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.

Obdachlosigkeit ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einem Teil unseres Alltags geworden. Die Zahl der Menschen, die auf der Straße gelandet sind, mag zwar nicht gestiegen sein, doch die Toleranzschwelle ist gesunken, was bewirkt, dass die Gesellschaft dazu neigt, sich vor ihnen als Richter aufzuspielen. Statistiken helfen jedoch nicht weiter. Obdachlosigkeit ist eine soziale Krankheit– anstatt in ein Zelt gesteckt zu werden, bedürfen obdachlose Menschen einer genauen Diagnose: wie akut oder chronisch ihre Situation ist und was die geeignete Behandlungsmethode wäre. Im Krankheitsfall ist das Recht des/der Kranken auf Genesung das einzige Recht, das Sinn macht. All die bemerkenswerten Ergebnisse, die Fachleute in ihrer Arbeit mit Obdachlosen erzielt haben, sind ohne aktive Unterstützung seitens der Gesetzgebung und der Gesellschaft vergebens.

In den letzten Jahren wurde durch Call-Center, Streetwork, Krisenbusse, Ausspeisungen und Tee-Ausschank und rund um die Uhr geöffnete Gesundheitszentren gesellschaftliches Engagement im großen Stil bekundet. Ein subventioniertes Wohnbauprojekt, das eine Lösung für mehr als eintausend Menschen darstellte, ging von der Gesellschaft selbst als Sanierungsfall aus. Das Thema Unterbringung in Zelten hat die Situation schwieriger gemacht. Obendrein wurde die hier angesprochene Gesetzesänderung vollzogen, als die ExpertInnen, als Teil einer neuen Strategie, die Frage zu diskutieren begannen, wie lange die Gesellschaft zusehen kann, wenn hunderte Obdachlose im Winter auf der Straße stehen. Kann ihr „Recht“ auf Kältetod vom Interventionsrecht der Fachleute überschrieben werden? Kann es so etwas wie positive Nulltoleranz geben? Solange wir darauf keine klaren Antworten haben, müssen wir die Diskussion fortführen. In diesem Zusammenhang richtet jede einfache Lösung, die mit dem Rechtsbegriff Missbrauch betreibt, mehr Schaden als Nutzen an.

Miklós Vecsei
Vizepräsident des Malteser Hilfsdienstes Ungarn
Ehemaliger Ministerialbeauftragter für Obdachlosenangelegenheiten