KünstlerInnen: Alexandros Georgiou and Jennifer Nelson, in collaboration with ITYS, Institute for Contemporary Art and Thought, Athens and Konate Mamadou and Theophile Yerbanga,
Photo: Paul Zografakis
Abgebildetes Werk: „January 12, 2008 – An Attempt”, 2008
Texte von R M Syllantavou (Doctor at Hellenic Center for Diseases Control & Prevention; Member of Medicines du Monde; for the last seven years, and in collaboration with Filippos Olymbitis, she has been been working as a volunteer on the island of Leros, Athens)
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Menschen unterschiedlichster Nationalitäten wollen sich einen Abend lang auszutauschen. Ein Abend dieser Art hat in Athen noch nie stattgefunden, daher ist es anfangs nicht so einfach. Wir treffen uns im Athener Africana Pub, um gemeinsam zu tanzen und zu trinken. GriechInnen, andere EuropäerInnen und AfrikanerInnen aus Burkina Faso, der Elfenbeinküste und Nigeria, die alle in Athen leben, begegnen sich unbeholfen. Wir wissen nicht, wie oder wo wir anfangen sollen. Einige sprechen Englisch, andere Französisch und wieder andere Griechisch. Es bilden sich kleine Gruppen von Weißen und kleine Gruppen von Schwarzen. Dann, dank der Musik und der Bereitschaft jedes einzelnen, tanzen wir eine Weile gemeinsam. Wir kennen die jeweiligen sozialen Codes nicht. Gelten die gleichen in Bezug auf Flirt, Sexualität und Freundschaft? Wir möchten ja nicht die falschen Signale aussenden. Doch irgendwie machen wir an diesem Abend Fortschritte. Wir lächeln alle. Wir geben uns Mühe. Und wir haben, trotz des künstlichen Charakters des Abends, Spaß. Wir sind froh, dass wir gekommen sind. Dank eines winzigen Schritts – mit Mühe und mit Liebe gesetzt – haben wir einen Anfang geschafft. Das war unser erster Versuch.
Jennifer Nelson
Wie alt sind Sie? 20? Oder 50? Oder sogar 70?
Egal wie alt Sie sind, sollten sie sich wenigstens ein Mal in Ihrem Leben zwei Stunden Zeit dafür nehmen, ein Auffanglager zu besuchen. Jene, die sich entschließen, das dortige Leben der ImmigrantInnen mit eigenen Augen zu sehen, anstatt sich mit den Fernsehbildern zu begnügen, und das, was sie sehen, mit ihrem bequemen Sofa und ihrem gutgefüllten Kühlschrank vergleichen, werden besser verstehen, was MIGRATION in unserer Zeit bedeutet.
MigrantInnen sind Menschen wie wir, mit körperlichen und emotionalen Bedürfnissen, die beschlossen haben, ein NEUES LEBEN zu beginnen – sowie in der Vergangenheit viele GriechInnen, als sie nach Deutschland, Belgien, Saudi-Arabien, Ägypten, Amerika und Australien auswanderten. Früher unterlagen ImmigrantInnen der geregelten Kontrolle seitens des Gastlandes, für das sie willkommene (!) Arbeitskräfte waren. HEUTE unterliegen MigrantInnen in sehr unklarer und verkrampfter Weise staatlicher Kontrolle. Nach ihrer Ankunft werden sie als „Illegale“ bezeichnet, weil sie heimlich ins Land kommen, getrieben von HUNGER, nicht Armut, und aufgrund von POLITISCHEN KONFLIKTEN!
Diese theoretischen Gedanken gehen mir durch den Kopf. Dann erinnere ich mich …
Mutter und Sohn erreichten eines Morgens Farmkonissi, auf der Insel Leros, sie zitterten vor Kälte, da sie eine Stunde geschwommen waren. Ein Schlepper hatte ihnen seine Pistole an die Schläfe gesetzt und sie gezwungen ins eiskalte Wasser zu springen, damit er der Verhaftung entginge. Nunmehr als Fremde, die sich nicht mitteilen kann, hofft diese Frau irgendeine Arbeit zu finden und dass ihr zehnjähriger Sohn die Möglichkeit bekommt, lesen und schreiben zu lernen. „Ich glaube, ich werde in Griechenland bleiben – ich schaffe es nicht, weiter zu reisen“.
Laina wurde in Somalia sexuell missbraucht. Sie nahm all ihre Kraft zusammen und hatte ihre Träume, bevor sie ins Unbekannte aufbrach. Wir Erwachsenen wissen um die Gefahren, denen sie ausgesetzt ist, und sollten an unsere Verantwortung denken: „Wenn es um Menschenhandel geht trägt auch der Kunde Verantwortung.“
Samirs Augen strahlen vor Freude über seine Freiheit. Ein Stück Brot ist schon genug, solange er nur dem Gefängnis, den Massakern, den Erniedrigungen durch ein brutales Regime in den Bergen Afghanistans entkommt.
Die beiden hatten mehr Glück als Hassan, der im Alter von zwanzig Jahren in den kalten Fluten der Ägäis starb. Semil, ein Mitreisender, berichtete: „Es war noch dunkel, als wir ins Wasser fielen, in einer schwarzen mondlosen Nacht; wir schwammen barfuß und nur einer oder zwei von uns hatten Schwimmwesten; einige von uns trieben nach rechts ab, andere nach links. … Wer Glück hatte, erreichte nach ungefähr einer Stunde die Küste. Hassan war nicht dabei. …“
Im Leben zählen nicht nur materielle Dinge … Wenn es darum geht „zivilisiert“ zu sein sind Bewusstsein und Taten gefragt. Verwenden Sie zwei Stunden Ihres Lebens, sich die Zivilisation, an der wir gerade bauen, mit eigenen Augen anzuschauen!
R M Syllantavou