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Künstlerin: Aydan Murtezaoğlu (Istanbul)
Abgebildetes Werk: „HIP ACTIVITIES – displacement / balcon series : SAVAŞA HAYIR ( NO WAR )“ (2003–2006)
Text von Erden Kosova (Istanbul) [DE] [EN] [TR] [HR] [SI] [HU] [CZ]

Aktiv werden ist gefragt

Die türkische Gesellschaft durchläuft derzeit einen dramatischen Veränderungsprozess. Die Gründungsvision des Projekts Republik ist in ihren Grundfesten erschüttert. Die Bemühungen um den idealen Bürger (den man sich als jemanden vorzustellen hat, der westlichen, urbanen und säkularenWerten verpflichtet ist und sich mit ganzem Herzen der Zukunft der Nation widmet) hat im Lauf all der Jahre einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung geprägt. In hoher Position in der Verwaltung, maßgeblich in der Wirtschaft, in leitender Funktion im Hochschulbereich und in der Öffentlichkeit voll präsent, hat dieser privilegierte Typus des Bürgers seine Vorherrschaft bis vor kurzem bewahren können. Doch aufgrund von Verschiebungen in der Gesellschaftsstruktur des Landes, haben Gesellschaftsschichten, die seit Jahrzehnten abschätzig als unzivilisiert, engstirnig, konservativ, ungebildet, ländlich und provinziell erachtet und paradoxerweise als „das Volk“ abgetan wurden, vor kurzem begonnen, gesellschaftspolitische Macht einzufordern und diese auch teilweise erlangt. In dieser politischen Atmosphäre werden Konflikte, die das Gesellschaftsleben in kleine Einheiten zergliedern (säkularisiert / muslimisch, reich / arm, Alleviten / Sunniten, der Westen des Landes / der Osten des Landes) sichtbarer und erkennbarer.

Das Bild auf diesem Poster stammt aus der Fotoserie Hip Activities der Künstlerin Aydan Murtezaoğlu. Durch einfache Eingriffe mit dem Computerprogramm Photoshop lässt sie zwei Bilder miteinander verschmelzen: ein Foto aus ihrem Familienalbum und ein Bild von einer Antikriegsdemonstration. Wenn man genau hinsieht, erkennt man den zeitlichen Abstand zwischen den beiden Aufnahmen. Haarschnitt und Kleidung sind nicht der einzige Unterschied. Die Posen der Menschen auf dem Balkon entsprechen dem Ideal der harmonischen und ungetrübten Häuslichkeit, und stehen in keinem Widerspruch zum Ideal der homogenen und klassenlosen Gesellschaft, für das die offizielle Ideologie geworben hat. Das Bild wurde zu einer Zeit aufgenommen, als es noch zu früh war, von ernstlichen politischen Spaltungen und einem obszönen Gefälle im Einkommensniveau zu sprechen. Die andere Aufnahme zeigt eine Demonstration von aktiven, aufgebrachten und zornigen Menschen. Dabei stehen die beiden zeitlichen Komponenten in keinem völligen Gegensatz zueinander. Einerseits haben wir ein Familienbild auf dem Balkon, einem Architekturelement, das in den 1960er und 1970er Jahren für Transparenz und Interaktion zwischen den Bereichen des Öffentlichen und des Privaten gesorgt hat. Es ist aus einer Ära, die der Disziplinierungspolitik und den neoliberalen Wirtschaftsvorschriften vorausgegangen war, die der Militärputsch von 1980 mit sich gebracht hat, mit dem darauf folgenden Rückzug von der Straße und aus dem öffentlichen Raum. Das zweite Bild dieser Komposition zeigt andererseits die Massen, die auf die ihnen aufgezwungene Atomisierung reagieren. Sie sind es, die ihre klaustrophobischen Neubauwohnungen mit den winzigen Fenstern und verschwindenden Balkonen verlassen, um die Straße wieder für sich zurückzufordern.